Photo by @bildwerkrostock

R.I.P. MARKUS

Eine Nachricht von Deiner Nachbarin — an alle die Dich vermissen

Am Freitag dem 8. Januar, 2021, verstarb Markus in der Herrfurthstrasse in Berlin, Neukölln. Er war Anfangs 30, war immer freundlich und äusserst charismatisch, obwohl er auf der Strasse wohnte und auch mit psychischen Problemen zu kämpfen hatte. Ich wohne in der Strasse welche sein Zuhause war, sehr nahe von dem Ort, der nun auch als seine Gedenkstätte eingerichtet wurde. Ich würde gerne meine Gedanken mit Euch teilen, liebe NachbarInnen und allen anderen Menschen die sein Tod beschäftigt. 2021 hat erst gerade begonnen, wieder im Lockdown, und es fällt mir schwer mit all diesen Fragen alleine zu sein.

Während den letzten drei Jahren waren Markus’ Schreie Teil meines Alltags und erreichten sogar meine KollegInnen, während den endlosen Zoom Meetings bei der Arbeit. Seine Schreie waren gar die sonderbare Geräuschkulisse während den Gutenachtgeschichten unserer Kinder. Als ich ihm vor Jahren das erste Mal begegnete, war ich noch verunsichert, es ist manchmal schwer einzuschätzen zu was psychisch labile Menschen fähig sein könnten.

Doch mit der Zeit entwickelten wir eine Art Ko-Existenz. Wir begrüssten uns am Morgen und wieder am Nachmittag. Unsere Kinder rannten zu ihm, sobald sie ihn sahen, froh ihn zu sehen, mit dem Daumen nach oben. Markus antwortete ihnen meist mit einem breiten Grinsen und dem Daumen nach oben.

Photo from Markus Facebook Page, 2014

Bevor wir seinen Namen kannten, sprach unsere besorgte Nachbarin von “unser Penner da unten”, wenn wir uns nach seiner Gesundheit erkundeten. Das Wort “unser” ist mir geblieben. Wer auch immer er war, nach all den Jahren die er in unserer Strasse lebte, gehörte Markus zu uns. Das bringt eine Verantwortung mit sich, der wir uns, in meinen Augen, nicht entziehen können. So überraschte es mich nicht, dass letzte Woche hunderte Menschen kamen um sich von Markus zu verabschieden. Doch obwohl so viele Menschen kamen, die sich auch zuvor um ihn kümmerten, gelang es uns nicht längerfristige Hilfe für ihn zu organisieren. Warum?

Im Sommer, als es zu heiss war um draussen zu sein, und Markus mehr in Not schien als sonst, wendeten wir uns an die verschiedensten Stellen. Doch überall wurde uns gesagt, dass Markus nur aus Eigeninitiative Hilfe beantragen könne und sonst müssten wir die Polizei rufen — die würden ihn einliefern, wenn er eine Gefahr für die Anwohner sei. Markus war vielleicht nicht sehr geistesgegenwärtig, aber keinesfalls eine Gefahr, im Gegenteil; seltsamerweise fühlte ich mich sicherer, im Wissen, dass Markus da war. Nachdem wir alle akzeptierten, dass wir keine öffentliche Hilfe bekamen, taten wir weiter was wir bis anhin taten; wir brachten ihm warmen Tee im Winter, manchmal Geld, trockene Decken, Kleider und Zigaretten.

In den vergangenen Wochen wurde er krank. Ich sah wie das Team der Obdachlosenhilfe versuchte ihn zu überzeugen, zu einer Notunterkunft mitzukommen. Die unfreundliche Art und Weise, wie dieses Team mit Markus interagierte, machten mich sprachlos und ich kann absolut verstehen, dass er nicht mitgehen wollte. In der Zeit danach, wurde es beklemmend still draussen. Markus war bereits zu schwach um zu schreien und es beschlich mich die Angst, dass er den Winter nicht überstehen würde. Ich fragte meine FreundInnen was wir tun könnten, aber wir alle wussten nicht wie weiter. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass Markus in einer Anstalt gut aufgehoben wäre.

Welche Hilfe wäre die richtige gewesen? Der Support im Kiez war gross, so dass ich mit dem Gedanken spielte, durch Crowdfunding eine Unterkunft für ihn zu organisieren. Doch zeitlich waren mir die Hände gebunden, dies sofort umzusetzen und um es mit anderen Menschen in der Nachbarschaft zu besprechen. Gleichzeitig befürchtete ich, dass ein Ort zum Wohnen und Geld alleine, nicht reichen würden. Die Tatsache zu akzeptieren, dass ich damals keinen wirklichen Ausweg sah, fällt mir heute sehr schwer.

Photo by @bildwerkrostock, Farewell speech in the Herrfurthstr.

Für mich birgt sein Tod auch einen politischen Aspekt. Er sagt etwas über unser System und unsere Kultur und deren Grenzen aus. Letzten Sonntag, erfuhr ich mehr über Markus’ früheres Leben, in der Abschiedsrede eines Freundes. Was ich ahnte, wurde bestätigt; Markus’ Geschichte ist nicht untypisch für Berlin und eine die viele von uns nachvollziehen können. Er war Musikproduzent und DJ der es auch liebte auszugehen. Er war anfangs Zwanzig als er ein bisschen verloren in Berlin ankam, wie viele von uns — mich inklusive. Ich bin sicher, wir hätten zum selben Beat getanzt. Berlin verurteilt dich nicht, aber es fängt dich auch nicht auf, wenn du stürtzt.

Ich hatte immer geglaubt, das einzige was in Krisen Bestand hat und uns auffangen kann, sind Verbindungen und Selbstorganisation in der Nachbarschaft. Wir alle wussten, Markus braucht unsere Hilfe, dennoch wussten wir nicht wie. Es ist so einfach durch die Maschen dieses Systems zu fallen, doch wenn dein Umfeld dich nicht genug stützen kann, wer kann es dann? Der Staat hat diese Aufgabe nicht übernommen. Was für eine Struktur, könnte diese Verantwortung übernehmen? Ich wüsste es gern.

Durch die Jahre wurde Markus zu einer Art Freund. Sein Tod durchbrach die Schutzhülle, mit der ich mich umgab, umgeben mußte, um in diesem system zu funktionieren, in dem jede*r auf sich alleine gestellt ist. Nun ist dieser Schutzmechanismus kaputt. Ein Mensch, ein Freund, ist direkt vor meiner Haustür gestorben. Das kann und will ich nicht ignorieren. Wenn es eins gibt, was Markus’ Tod mir geben kann, dann ist es das Gefühl, dass kein Mensch egal ist, auch in Momenten wo dieses Mitgefühl eine Last ist und es keinen Weg vorwärts zu geben scheint.

Am Tag nach Markus’ Tod, erfuhr ich, dass er es mehrmals ablehnte mit der Ambulanz mitzufahren. Wäre er eingestiegen, wenn ein Mensch dem er vertraute, angeboten hätte ihn zu begleiten? Ich werde es nie erfahren. Es ist Markus’ gutes Recht, wenn er entschied weiterzugehen. Einige Jahre in der Kälte sind schon einige Jahre zu viel.

Ich hoffe Markus hat seinen Frieden gefunden. Für mich ist die Stille noch immer beklemmend. Es wird Zeit brauchen, bis wir uns daran gewöhnt haben.

Rest in peace, Markus.

Vielen lieben dank an T. aus die Nachbarschaft für die Übersetzung aus English.

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